
Episode #31
Das geliehene Trauma – Wenn Aufarbeitung zur Illusion wird
In arbeits- und sozialrechtlichen Verfahren erlebe ich als Gerichtsgutachterin immer häufiger ein beunruhigendes Phänomen: Menschen fordern eine bezahlte Auszeit oder eine Invaliditätspension, um Traumata aufzuarbeiten, an die sie sich selbst überhaupt nicht erinnern können. Oft wurde ihnen von Therapeuten eingeredet, dass hinter ihren heutigen Problemen ein Missbrauch im Kleinkindalter stecken muss . Als erfahrene Therapeutin und Gutachterin sehe ich diese Entwicklung kritisch. In dieser Folge sprechen wir offen über die Leichtfertigkeit, mit der heute posttraumatische Belastungsstörungen attestiert werden, und über die Gefahr, Menschen durch eine dauerhafte Pathologisierung ihre eigentliche Lebenskraft zu nehmen. In dieser Episode besprechen wir: Die Suche nach dem Sündenbock: Warum die Idee, ein unbewusstes Kindheitstrauma sei der alleinige „Schlüssel zur Wahrheit" für das heutige Scheitern im Leben, oft eine gefährliche Sackgasse ist. Unverantwortliche Therapievorstellungen: Warum es eine Illusion ist zu glauben, man könne eine 50 Jahre alte, vermeintliche Wunde innerhalb kürzester Zeit komplett „lösen" und danach reibungslos ins Berufsleben zurückkehren. Somatisation und Erstarrung: Wie traumatische Erfahrungen wie ein Schock im Körper gespeichert werden – und warum dennoch nicht jeder Mensch in der Lage oder bereit dazu ist, sich diesen tiefen Schichten zu stellen. Die Macht des Betroffenen: Warum einzig und allein die Person, die das Trauma erlebt hat, über die Art und das Tempo einer Aufarbeitung entscheiden sollte – und nicht der Therapeut. Akzeptanz statt Vergebung: Warum Heilung nicht bedeutet, Tätern verzeihen zu müssen, sondern das Geschehene als Teil der eigenen Biografie zu akzeptieren, um wieder nach vorne blicken zu können. Vom blutenden Trauma zur Narbe: Ein Plädoyer dafür, Wunden verheilen zu lassen, statt sie im Therapieraum ständig neu aufzureißen – denn auch mit Narben ist ein erfülltes, gutes Leben möglich. Ein differenzierter und aufrüttelnder Blick auf den schmalen Grat zwischen notwendiger Traumatherapie und der modernen Tendenz, normale Lebenskrisen vorschnell zu pathologisieren. Mehr Einblicke und Videos finden Sie auf meinem YouTube-Kanal: Dr. med. Sigrun Roßmanith auf YouTube






